EIN BLICK AUF DIE GESCHICHTE
Ein
im Jahre 1879, im Hause des Centenarius in Pompei entdecktes und heute im
Nationalmuseums von Neapel aufbewahrtes Fresko, zeigt Baccus, mit einer
riesigen Weintraube am Fusse eines einsamen Berges, wahrscheinlich dem Vesuv.
Der Vulkan schien vor jenem unglücklichen Tag im Jahre 79 n.Chr. für
die Einwohner von Pompei keine Gefahr darzustellen. An seinem Fuße
gedieh der Wein; der Gipfel war mit, an Wildtiere reichen Wäldern bedeckt.
Auf den pompeianischen Weinamphoren kann man auch oft das Wort "Vesuvium"
lesen, sowie in den Küchen waren bisweilen Wildschweinköpfe an
den Wänden gemalt. Die von den Osciern gegründete Stadt, erhob
sich auf den Ausläufer einer prähistorischen Lavazunge, in die
sich ein Fluß eingeschnitten hatte, und zwar der Sarno, der für
die Bewohner des Tals einen bequemen Anschluss zum Meer bot.
Auch wenn durch Keramik-und Steinwaffenfunde erste menschliche Ansiedlungen
schon für die Bronze-und Eisenzeit belegt werden können (8.Jh.
v. Chr.), stellen ein Mauergürtel und kleine Siedlungskerne (7.und
6. Jh. v. Chr., das erste mit Sicherheit datierbare Zeugnis einer Stadtgründung
dar.
Dieses
Gebiet stand unter doppeltem Machtanspruch: Zunächst seitens der Griechen,
die den Golf von Neapel beherrschten, dann der Etrusker, die die Herren
des kampanischen Hinterlandes waren, und schließlich nach der Niederlage
der Etrusker bei Cuma, wieder von den Griechen (474-425). Am Ende des 5.
Jahrhunderts wurde die Stadt durch den Sanniten erstürmt, die von den
Bergen der Gebiete Irpinia und Sannio herabgestiegen waren. Pompei blieb
mehr als drei Jahrhunderte unter ihrer Herrschaft; Bis Rom Ende des 3.Jhs.
v. Chr. mit der Eroberung Campaniens begann und die Stadt unterworfen wurde,
obwohl sie weiterhin die eigenen Istitutionen und die eigene Sprache behielt.
89 v.Chr. hielt Lucillus Silla Pompei belagert und besetzte es militärisch.
Neun Jahre später, im Jahre 80.v.Chr., wurde es eine römische
Kolonie und nahm dessen Sprache, Sitten und Baukunst an. Im Jahre 62 n.Chr.,
wurde es zusammen mit anderen kampanischen Städten, von einem äußerst
heftigen Erdbeben schwer beschädigt. Der Wiederaufbau wurde aber rasch
aufgenommen. Pompei war eine Stadt in vollem Aufschwung und zählte
etwa 20.000 Einwohner als der Vesuv, im Jahre 79 n.Chr. noch einmal erwachte
und es zusammen mit den Nachbarstädten Herkulaneum und Stabia vernichtete.
Ein berühmter Brief, den Plinius der Jüngere an Tacitus schrieb,
enthält die Beschreibung des Vulkansausbruch und den tragischen Todes
seines Onkels: Plinius der Aeltere, Naturalist und Kommandant der Flotte
von Miseno, bei welchem er sich, zu dem Zeitpunkt, als Gast aufhielt. Die
Stadt wurde unter einer sechs bis sieben Meter dicken Schicht von Asche
und Schlacke begraben. Die meisten seiner Einwohner kamen um, als sie versuchten
auf der Straße, die nach Stabia und Nocera zu fliehen, oder sie erstickten
in den Kellern ihrer Häuser. Giuseppe Fiorelli, seinerzeit Leiter der
Ausgrabungen, fertigte 1840 zahlreiche Gußformen an und verewigte
damit das Zeugnis der Tragödie, indem er flüßigen Gips in
die Höhlräume goß, die von den in der Aschenschicht eingebetteten
Leichnamen, zurückgeblieben waren. Pompei war in Vergessenheit geraten,
bis man zwischen 1594 und 1600 nicht den Hügel der "Civitas"
durchbohrte, um einen Kanal zu bauen der Wasser aus dem Sarno bis nach Torre
Annunziata leiten sollte. Dabei wurden Ruinen von Gebäuden und Inschriften
entdeckt. Aber die Erforschungen begannen erst 1748, unter der Herrschaft
des Borbonenkönigs Carlo. Im 19Jh. erhielten die Ausgrabungen großen
Schwung, als zwischen 1806 und 1832 ein Großteil der öffentlichen
Gebäude des Forums freigelegt wurde; sowie einige der wichtigsten Privathäuser,
wie das Haus von dem Pansa, des tragischen Dichters und des Fauns. Nach
der Bildung des Italienischen Königreiches wurde 1860 Giuseppe Fiorelli
die Leitung der
Augrabungen anvertraut. Dieser ging systematisch vor und leitete gleichzeitig
Maßnahmen ein, um die Funde zu restaurieren und zu schützen.
Nach einer Unterbrechung wegen des Ersten Weltkrieges, wurden die Ausgrabungen
1924 mit dem Archäologen Amedeo Maiuri auf breiter Front wieder aufgenommen.
Er widmete sich der Aufgabe für mehr als vierzig Jahre bis zu seinem
Tode.
Drei Fünftel der Stadtfläche, die sich mit einem Mauerumfang von
3220 Metern über 66 Hektar erstreckt, sind ans Licht gebracht worden
und nicht nur die Gebäude an sich, sondern auch die originellen Dekorationen
und Einrichtungsgegenstände, bieten einen beeindruckenden Anblick.
Die Archäologen haben die Siedlung durch das Strassennetz in 9 Regionen
unterteilt und jede Region ihrerseits in Insulae, indem sie dem Eingang
jeder Wohneinheit eine fortlaufende Ordnungszahl zugeordnet haben.
EINE ZEITLOSE STADT
Was
an Pompei so faszinierend ist und es unter archäologischen sowie kunsthistorischen
Gesichtspunkten einzigartig auf der Welt macht, ist die Möglichkeit,
entlang der mit vulkanischem Basalt gepflasterten Straßen das alltägliche
Leben seiner Bewohner rekonstruieren zu können, das die Katastrophe
des Vulkanausbruches unvergänglich gemacht hat. Das Herz des städtischen
Lebens, das Zentrum aller wirtschaftlichen, geschäftlichen und politischen
Aktivität und der Treffpunkt par exellence, mehr als jeder landläufige
Dorf- oder Rathausplatz bei uns es je sein konnte, war das Forum.
Auf
diesem ausgedehnten Platz, umgeben von einer doppelten Säulenreihe
und geschmückt mit Bronzestatuen, von denen die Sockel noch zu sehen
sind, standen alle öffentlichen Hauptgebäude. Von der Basilika,
in der das Recht gesprochen wurde, über den Sitz der Diumviri, der
Decurionen und der Baubeamten, die die Stadt regierten, und dem Comitium,
welches der Wahl des Magistrats diente, bis hin zum italischen Jupitertempel,
der zusammen mit jenem zu Ehren von Apollo und den zahlreichen anderen Tempelbauten
der Stadt, die den verschiedensten Gottheiten gewidmet waren, zeugten sie
vom religiösen Kult der Pompeianer, die auch ihre Wohnungen mit Larari
bereicherten. Aber dieser große, rechteckige Platz mit den Ausmaßen
38x142 Metern war auch ein zum Handel auserkorener Platz. Im Macellum, einem
zur Zeit des Imperiums gebauten überdeckten Markt, wurden Fruchtkerne
und Körner sowie Fischschuppen gefunden, denn hier wurden die Erzeugnisse
der Erde verkauft, ebenso wie z.B. Fleisch und Gemüse. Die Landwirtschaft
gedieh in der Tat allerbestens, insbesondere dank der fruchtbaren Böden:
Die pompeianischen horti waren berühmt für ihre Weinsorten, ihre
Oliven, den Honig und die Spelz, eine Hartweizensorte, die zwei Ernten pro
Jahr emöglichte. Im Gebäude von Eumachia, der Hohenpriesterin
der Venus und Sitz der Vereinigung der "Fullones" (Wäscher,
Färber und Tuchhersteller) beschäftigte man sich mit dem Verkauf
von Wolle, Textilien und Kleidung.
Der Handel belebte sich deutlich nach dem Erdbeben des Jahres 62. Entlang
der "Straße des Überflusses" (Via dell'Abbondanza),
eine der Decumanen, die die Stadt von Ost nach West durchzog, folgten die
Thermopolia wie jene der Asellina zum Ausschank von warmen und kalten Getränken,
die Cauponae, Kneipen und Lokale, Färbereien und Wäschereien,
wie die des Stefanus, in welcher das Impluvium in eine Wanne zur Sammlung
des Wassers umgeformt worden war, in der die Wäsche gewaschen, von
Angestellten trockengepreßt und schließlich mit Harnstoff gebleicht
wurde. Selbst so großartige Villen wie jene des Giulia Felice beherbergten
teils auch Schänken und Handwerksbetriebe. Genau wie die Bäckereien,
in denen Mühlsteine zur Herstellung von Mehl und Brot von Maultieren
oder Sklaven angetrieben wurden, und die Verkaufsstellen für den Garum,
eine köstliche Soße aus getrocknetem Fisch, Thun, Muränen
und Makrelen, waren die Werkstätten der Eisenverarbeitung, der Keramik-
und Goldschmuckherstellung über die ganze Stadt verteilt. Jeder Pompeianer
versuchte nach Möglichkeit, sich sein Otium (etwa: Freizeit) herzurichten.
An
den meistbesuchten Orten der Stadt befanden sich die Thermalbäder:
Jene des Forums, die zentral gelegenen und schließlich die stabianischen
(benannt nach der östlichen Nachbarstadt), die allesamt von eminenter
Bedeutung für das Alltagsleben der Stadt waren. Diese Gebäude
waren in Bereiche für Männer und Frauen unterteilt und schlossen
ein Calidarium (das heiße Bad), ein Tepidarium (ein laues Bad) sowie
ein Frigidarium (das kalte Bad)ein, und in den bisweilen mit Stuck reichverzierten
Sälen ließ man's sich bei Massagen und Schönheitskuren gutgehen.
Die Pflege des Körpers wurde in den Turnhallen vervollständigt,
wo man Sport trieb, wie z.B. in der beeindruckenden großen Halle aus
imperialer Zeit: Große Wurzelabgüsse belegen, daß Platanen
einst dem ganzen Bereich Schatten spendeten.
Die Theateraufführungen stellten eine Verabredung dar, die man sich
nicht entgehen lassen durfte. Im großen Theater (200 - 250 n.Chr.),
in dem 5000 Besucher Platz fanden und von dem einige Stufenreihen des tiefergelegenen
Teils sowie die Bühne mit Nischen und Kiosken übriggeblieben sind,
fanden die klassischen Aufführungen, Kömmödien und Tragödien
statt, während im kleinen überdachten Theater musikalische Darbietungen
sowie Mimenspiele aufgeführt wurden. Es war nach dem Jahre 80 v. Chr.
gebaut worden und seine vollständig erhaltenen Ränge nahmen bis
zu 1000 Besucher auf. Heftiger zur Sache ging es hingegen bei den äußerst
beliebten
Gladiatorenspielen im glanzvollen, elliptischen Amphitheater mit der ernormen
Kapazität von 12000 Personen. Doch ihren Sinn für die Architektur,
für Gärten und Fresken richteten die Pompeianer hauptsächlich
auf ihre Privatwohnungen. Vom einfachsten Haustyp aus italischer Epoche
(4. und 3. Jh. v. Chr.) mit dem Atrium, dem Dach mit Compluvium, um das
Regenwasser in der Wanne unter dem Impluvium zu sammeln, mit den Cubicula
oder Gästezimmern sowie dem Tablinium, dem Raum für Familienversammlungen
am Ende des Atriums und mit dem Hortus daneben, ging man im Laufe der Jahre
zu immer komplexeren Gebäuden über, in denen sich die Atri, Peristili
(geschlossene Innenhöfe mit Säulen) und Gärten vervielfachen,
und in welchen Wandbemalungen in warmen, leuchtenden Farben wie z.B. dem
berühmten pompeischen Rot eingefügt wurden, mit Figuren aus Sagen,
Mythen, Religion oder der Phantasie. Bewundernswerte Beispiele stellen die
Fresken im dem Haus der Vettii dar, in denen die Amorini abgebildet sind,
welche die verschiedenen handwerklichen Aktivitäten der Stadt dokumentieren;
von der strahlenden Venus in der Muschel in der Casa di Venere bis zum geheimnisvollen
Freskenzyklus in der Villa dei Misteri, welcher sich dem Dionysiskult widmet
und mit 3 x 17 Metern eine der großartigsten Bilddarstellungen der
Antike ist.
Was soll man schließlich von der Kunst der Bronzeskulptur sagen,
die im tanzenden Faun im gleichnamigen Haus ein berühmtes Beispiel
findet. In den Gärtchen, wo die Pompeianer im Sommer so gerne auf den
"Triclini" ihre Mahlzeiten einnahmen, gab es reichlich Springbrunnen,
wie jene mit vielfarbigen Mosaiken im Haus der kleinen und großen
Fontäne, und zwar nicht zuletzt dank der Möglichkeit, sich des
fließenden Wassers zu bedienen, mit dem durch Bleirohrleitungen die
ganze Stadt versorgt wurde. Was übrigens den Pompeianern nicht wenige
Probleme mit Vergiftungserscheinungen einbrachte. Die Mosaike vervollständigten
in bewundernswerter Weise die Dekoration der Häuser.